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Wird die Rösslimatt zum Geisterdorf?

18.11.2015

Die Rösslimatt gehört zu den wenigen noch erhaltenen Kreativ- und Kleingewerbequartieren im Zentrum Luzerns. Hinter dem Konzerthaus Schüür erstreckt sich eine Oase, die seinesgleichen sucht. Täglich rattern hier die Güterzüge der SBB vorbei – in den Baracken, Schuppen, Containern und Häusern arbeiten Metallbauer, Garagisten, Fotografen, Grafiker, Musiker, Illustratoren, Velokuriere, Gemüse-Tiefkühler… Die diversen Nutzungen widerspiegeln sich im uneinheitlichen architektonischen Erscheinungsbild. Inzwischen eingekesselt durch City Bay und Tribschenstadt, kündigten sich die gezählten Tage des kreativen Biotops Rösslimatt unheilvoll an.

Im Juni 2013 stimmte die Bevölkerung der Stadt Luzern der Revision der Bau- und Zonenordnung zu. Seither beschäftigt sich die SBB mit der neuen Projektierung ihrer Liegenschaft. Interessierten stellte sie das Projekt „Village Luzern Rösslimatt“ im Rahmen des Infoabends „Angestrebte Schönheit“ der IG Stadtentwicklung vor. An der Veranstaltung im Sinnlicht an der Industriestrasse nahmen ca. 50 Personen teil.

Die Rösslimatt ist schweizweit nur eines unter vielen „Entwicklungsarealen“ der SBB. Vom Bundesrat festgelegt, hat sie mit den neu entstehenden Immobilien eine „marktorientierte Bewirtschaftung“ und eine „nachhaltige Wertesteigerung“ zu verfolgen. An der Infoveranstaltung lagen Vergleiche zur benachbarten City Bay daher nahe. Massimo Guglielmetti von der SBB bezeichnete diese als „richtige Entwicklung“, welche eine gemischte Nutzung beispielhaft vorlebe. Gelebt wird in der City Bay – wenn überhaupt – allerdings nur hinter den dicken Fensterfronten. Auf den bereitgestellten „Nutzflächen“ herrscht gähnende Leere. Ein „Quartier mit Identität“ soll im „Village“ entstehen. Dass eine von „oben“ diktierte Belebung nicht funktioniert, scheinen die Planungsverantwortlichen noch nicht gelernt zu haben.

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Umgesetzt wird das „Village Luzern“ im „Idealfall“ in drei Etappen, welche sich an drei Baufeldern (A, B und C) orientieren. Als erstes soll der alte Güterschuppen (Baufeld A) an der Güterstrasse einem Bürokomplex (ca. 20'000 m2) weichen. Der Güterschuppen wurde früher von der Post genutzt, heute befinden sich im sogenannten „Pöstli“ unter anderem eine Kampfkunst-Schule und Atelierplätze diverser Kunst- und Kulturschaffender. Momentan wirbt die SBB „Anchor-Mieter“ an – zahlungskräftige Garanten – erst, wenn diese gefunden wurden, beginnen Abriss und Neubebauung. Geplant wäre die fertige Realisierung bis 2018. Das alte rosarote Haus an der Güterstrasse 7 aus dem Jahre 1907 wird erhalten bleiben und saniert. Ebenso wenig plattgemacht werden die Schüür und der „Spanier“.

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Mit der Neubebauung der Felder B und C wird frühestens 2023 begonnen. Am längsten bleiben können wird wohl die Tiefkühlkost Roelli AG an der Bürgenstrasse 4, deren Mietvertrag bis 2025 dauert. Komplett fertig gestellt würden die Wohnungen, Büros und das Hotel im „Village Luzern“ vielleicht im Jahre 2040.

Die entstehenden Wohnungen sollen zu „marktüblichen Preisen“ vermietet werden. Daher wird sich die angestrebte „soziale Durchmischung“ wohl eher an Generationen und nicht an Einkünften orientieren. Der vom städtischen Bereich Raumentwicklung anwesende Bruno Gsteiger musste sich deswegen mehrere Male dem Unmut des Publikums aussetzen, welches sich über die Knappheit an zahlbarem Wohnraum und der Verdrängung der Kulturschaffenden in die Peripherie beklagte. Eben jenen Menschen, die sich an der Gesellschaft beteiligen, wird der Nährboden verbaut.

Das Bild Luzerns wird sich in den nächsten Jahren deutlich verändern. Luzern Süd, Eichhof, Industriestrasse, Bireggstrasse und nun auch das „Village Luzern“ – die Stadt hat viele Visionen. Dabei gehen manchmal jene, die darin leben, etwas vergessen. Die IG Stadtentwicklung forderte deshalb eine gemeinsame Entwicklung des Projekts „Village Luzern“ (wobei die Änderung des Projekttitels quasi bereits einstimmig angenommen wurde) und machte sich für genossenschaftlich organisierten Wohnraum stark.

Soll auf dem Areal Rösslimatt ein totes Quartier entstehen, in welchem Leute auf der Strasse nach Ladenschluss zur Seltenheit werden? Antworten und Ansichten hat uns Daniel Furrer von der IG Stadtentwicklung schon vor dem Podium gegeben.

Und auch nach dem Podium hat die Stooszyt das Thema aufgegriffen. Wir haben die Thematik zusammengefasst:

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