"Die Zurich Pride findet 2026 ohne Festival statt", konnte am 18. Februar einer Medienmitteilung der Organisator*innen entnommen werden. Die Absage löste unter Festivalgänger*innen Trauer und Unverständnis aus, jedoch stoss sie auch auf Zustimmung. In den vergangenen Jahren machte sich öfters Kritik breit, die Zurich Pride hätte sich immer stärker kommerzialisiert. Xiao Ember, Präsident*in der JUSO Zug, gibt uns im Gespräch Einblicke in die Hintergründe der Absage und was genau Kritiker*innen bemängeln.
Queere Anliegen werden verschwindend klein
Es brauche manchmal eine Pause, um sich auf das Wichtigste besinnen zu können und um frische Energie zu tanken, schreibt der Verein Zurich Pride in seiner Medienmitteilung vom 18. Februar. Aber nicht nur eine Erholungsphase für das OK sei Grund für die Absage, unter anderem auch angeschlagene Finanzen, Altlasten aus Vorjahren und schwierige Rahmenbedingungen. Auch fehlten die nötigen Ressourcen, um als ehrenamtlicher Vorstand ein Festival zu planen und gleichzeitig eine strategische Neuausrichtung aufzugleisen.
Alles legitime Gründe, doch die knappe Kasse, ist das, was vielen Kritiker*innen schon länger ein Dorn im Auge ist. Was in der Medienmitteilung als "Die aktuelle wirtschaftliche und politische Unsicherheit wirkt sich auch auf das Engagement von Unternehmen aus.", umschrieben wird, heisst so viel wie: Wir sind abhängig von Unternehmen, denen eine finanzielle Unterstützung für Diversität und Inklusion gerade nicht gleich wichtig ist, oder sein kann, wie in den vergangenen Jahren.
Wenn Sponsorengelder ausbleiben oder reduziert werden, geraten Grossveranstaltungen wie das Zurich Pride Festival unter Druck. Dies zeigt genau, wie stark die Pride inzwischen von wirtschaftlicher Unterstützung abhängig ist. Was ursprünglich als politische Protestbewegung für Sichtbarkeit, Gleichberechtigung und den Schutz queerer Menschen entstanden ist, hat sich zu einem stark kommerzialisierten Event entwickelt. Wer in den letzten Jahren an der Zurich Pride teilgenommen hat, muss die vielen Unternehmenslogos und deren Marketingkampagnen gesehen gehabt haben: Swiss, Ikea, 20-Minuten, UBS, Johnson & Johnson, um nur wenige der vielen Sponsor*innen zu nennen.
Natürlich schafft dies Reichweite, und durch die finanzielle Unterstützung, kann unzähligen queeren Menschen ein unvergessliches Wochenende ermöglicht werden. Aber den versteckten Preis zahlen am Ende die zentralen, queeren Anliegen, welche durch die Imagepflege von Unternehmen in den Hintergrund gelangen. Gerade in Zeiten, in denen queere Rechte international vermehrt unter Druck geraten, wäre eine klare, politische und vor allem ganzjährige Positionierung dieser Sponsor*innen wichtiger denn je. Die Absage wirft deshalb vor allem eine grundsätzliche Frage auf: Wofür wird die Pride in Zukunft stehen?
The First Pride Was a Riot
Als Alternative zum Zurich Pride Festival gibt es seit 2021 in Zürich den antikapitalistischen Christopher Street Day (CSD). Dieser orientiert sich an der allerersten Pride vom 28. Juni 1969. Damals widersetzten sich Homosexuelle einer Polizei-Razzia in einer Schwulenbar, dem "Stonewall Inn", in der Christopher Street in New York. Es sei ein gewaltsamer Tag gewesen und gleichzeitig der Auftakt zu einer der grössten Emanzipationsbewegungen.
Auf ihrer Website schreibt das Kollektiv CSD Zürich:
"Im Gegensatz zu der bürgerlichen Assimilationspolitik der Zurich Pride, setzen wir uns für eine komplette Emanzipation aller queeren Menschen ein. Queere Menschen sollen sich nicht einer bürgerlichen Normalität angleichen müssen, sondern sollen so leben können, wie sie wollen. Dies bedeutet, dass wir alle systemischen Diskriminierungsformen intersektional bekämpfen müssen, damit alle queeren Menschen frei von Unterdrückung leben können."
Es stelle sich gegen den sogenannten Rainbow Capitalism* der Banken und Konzerne, gegen das Pinkwashing** repressiver Staatsorgane und gegen die exklusive und kapitalistische Assimilationspolitik der Zurich Pride. Es soll ein Kampf für die komplette Liberation aller queerer Menschen sein.
Bedeutung der Zurich Pride
Das Zurich Pride Festival muss sich harscher Kritik stellen. Trotzdem darf die Bedeutung der grössten Pride in der Schweiz nicht unerwähnt bleiben. Tausende queere Menschen reisen für den Grossanlass in die Stadt Zürich, um zu zeigen. Wir sind da! Und wir sind viele! Ein Wochenende voller Farbe, Queer-Joy, Tanz und Begegnungen. Ein Raum, in dem Menschen ihre Identität und Sexualität frei und selbstbestimmt leben und feiern können. Ein Anlass, welcher besonders auch für sogenannte "Baby-Gays" enorm wichtig ist und ihnen ein warmes, feierliches Willkommen in der Community bereitet.
Begriffe:
*Rainbow Capitalism: Verhalten von Unternehmen, die vorgeben, LGBTQ+ Anliegen zu unterstützen, in Wirklichkeit jedoch gewinnorientierte Produkte herstellen und aus diesen Kapital schlagen. Mit anderen Worten: Im Mittelpunkt stehen die Interessen und Gewinne der Unternehmen. Quelle: LGBTQ and ALL
**Pinkwashing: Eine Marketingstrategie von Personen, Institutionen, Unternehmen oder sogar Staaten, die sich modern, fortschrittlich und aufgeklärt zeigen wollen. Ihre vorgegebene tolerante Haltung zur queeren Community verdeckt Handlungen, die dem entgegenstehen. Pinkwashing = Marketinglüge Quelle: Friedrich Ebert Stiftung