Sphaíra

ESSAM: Neuer Klang, alte Wurzeln

Das Album Essam von Imarhan knüpft an die besondere Entstehungsgeschichte der Band an: Gegründet um 2008 als lose Gruppe von Freunden, entwickelte sich ihr Sound aus ihrem gemeinsamen kulturellen und generationellen Hintergrund. Trockene Gitarrenriffs, eingängige Popmelodien und panafrikanische Rhythmen verbinden sich mit Einflüssen traditioneller Tuareg-Musik, afrikanischer Balladen sowie modernem Pop und Rock. Auch auf ESSAM bleibt diese Mischung spürbar, wird jedoch um neue klangliche Facetten erweitert – ein Umstand, der die enge Verbindung zwischen musikalischer Entwicklung und kultureller Herkunft der Band unterstreicht.

Ihre Musik steht in engem Zusammenhang mit der Geschichte, Kultur und Lebensweise ihres Volkes. Um das Album besser zu verstehen, lohnt sich daher ein Blick auf den Hintergrund der Tuareg. 

Die Tuareg sind ein Nomadenvolk in Afrika, deren Siedlungsgebiet sich über die Wüste Sahara und den Sahel erstreckt. Die Gesamtzahl der Tuareg wird auf mehrere Millionen geschätzt, wobei die Mehrheit der Tuareg in den westafrikanischen Ländern Niger, Mali und Burkina Faso leben. Jedoch lebt auch eine geringere Menge in Algerien, Libyen, Mauretanien und weiteren nordafrikanischen Ländern. Aufgrund ihrer weiten Verstreuung sind die Tuareg trotz gemeinsamer Sprache und ethnischer Zugehörigkeit in verschiedene Stämme und Clans unterteilt. Bis zum Beginn der Kolonialzeit waren die Stämme und Clans der Tuareg in wechselnden Bündnissen und Auseinandersetzungen verstrickt, da sie um knappes Wasser, Weideland und die Kontrolle der transsaharischen Handelsrouten konkurrierten.  

Während der Kolonialzeit (ca. 1880-1960) bewahrten die Tuareg viele ihrer traditionellen Lebensweisen, obwohl sie von den französischen Kolonialbehörden unterworfen wurden. Sie agierten nach wie vor in autonomen Gruppen und blieben gegenüber den neuen kolonialen Strukturen widerstandsfähig. Sie ignorierten bewusst die europäisch gezogenen Grenzen und hielten an ihrem nomadischen Lebensstil fest, indem sie komplexe Beziehungen zu den sesshaften und landwirtschaftlichen Völkern führten. Die Tuareg betrieben traditionell keinen Ackerbau, sondern waren auf den Austausch von Getreide wie Hirse mit Bauern angewiesen. Gleichzeitig erhoben sie Naturalsteuern von den Bauern entlang des Nigers – eine Praxis, welche über einen langen Zeitraum fester Bestandteil der sozialen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den Tuareg und ihren Nachbarn war. Um Konflikte mit den Tuareg-Gruppen zu vermeiden, entschieden sich die französischen Behörden pragmatisch dazu, diese Tradition zu akzeptieren, was langfristig zu Spannungen zwischen den Tuareg und den Bauern führte, welche sich nach der Unabhängigkeit der westafrikanischen Staaten verschärften. 

Tellalt wurde am 16. Januar 2026 via Wedge, under exclusive license to City Slang veröffentlicht. 

«Als die westafrikanischen Länder in den 1960er Jahren ihre Unabhängigkeit erlangten, blieb ein Grossteil der Tuareg-Gemeinschaften ausserhalb des Netzes politischer Beziehungen und materieller Vorteile der neuen Staaten» (Keita 1998). Die Tuareg begegneten den neuen afrikanischen Regierungen oft mit Ablehnung und Missachtung, während diese die Tuareg als wirtschaftlich und sozial rückständig betrachteten. Dies aufgrund ihrer traditionelle Subsistenzweidewirtschaft, welche als Hindernis für die nationale Entwicklung der jungen Staaten angesehen wurde. Der Konflikt um Land und Ressourcen verschärfte sich weiter, da die neue afrikanische Führung das Recht der Tuareg auf Naturalsteuern und Landbesitz ablehnte.  

In diesem Umfeld träumten viele Tuareg von einem unabhängigen Staat «Azawad», der aus von Tuareg bewohnten Gebieten im Norden Malis, im Norden Nigers und im Süden Algeriens bestehen würde. Dieser Traum entsprang auch aus der tiefen Enttäuschung über die Jahre nach Malis Unabhängigkeit, in denen die neue Regierung die Erwartungen an eine Verbesserung der Lebensbedingungen, politische Teilhabe und gleichberechtigte Verteilung von Ressourcen nicht erfüllte und die Tuareg sich zunehmen diskriminiert und marginalisiert fühlten. Zwar wollten sie von den staatlichen Leistungen (Infrastruktur, wirtschaftliche Unterstützung, rechtliche Sicherheiten etc.) profitieren, lehnten jedoch die zunehmende Kontrolle ihres Lebenstils ab. Landreformen bedrohten den Zugang zu Ressourcen und manche Tuareg-Führer*innen begannen zu vermuten, dass die Modernisierung dazu diente, ihre Kultur zu zerstören.  

Vor diesem Hintergrund begann der erste Tuareg-Aufstand 1962 im Norden Malis mit kleinen «Hit and Run»-Überfallen auf Regierungseinrichtungen. Obwohl diese Angriffe nicht von einer einheitlichen Führung und einer gut koordinierten Strategie zeugten, reagierte die malische Regierung schnell. Der Aufstand wurde bis Ende 1964 niedergeschlagen, die nordmalische Region unter militärische Verwaltung gestellt, und viele Tuareg sind in Nachbarländer geflohen. Obwohl es der Regierung gelungen war, den Aufstand zu beenden, brachten sie auch diejenigen Tuareg gegen sich auf, die den Aufstand nicht unterstützt haben. Die repressiven Massnahmen der Regierung und die Nichtumsetzung der Infrastruktur- und Wirtschafsprogramme führten zu einer weiteren Entfremdung und Unzufriedenheit der Tuareg, und die Instabilität blieb weiterhin bestehen.  

Essam wurde am 16. Januar 2026 via Wedge, under exclusive license to City Slang veröffentlicht.

Diese ungelösten Probleme und die tiefe Entfremdung der Tuareg von der Regierung führten wenige Jahre später zu einem erneuten Ausbruch des Widerstands. Die 1970er/80er Jahre brachten viele Herausforderungen in Westafrika mit sich. Die Sahelzone litt von 1968-1974 sowie 1980-1985 unter starken Dürren, welche die Lebensgrundlage der Nomadenvölker in den Sahelstaaten untergruben. Ein hoher Anteil des Viehbestandes ging verloren und viele Nomaden waren gezwungen, in Flüchtlingslager oder städtische Gebiete im Süden zu fliehen. Ein erheblicher Teil der Tuareg floh beispielsweise nach Libyen, wo sie oft in militärisch geprägten Flüchtlingslagern untergebracht wurden und auch teils eine militärische Ausbildung erhielten. Die durch die Dürren verursachte wirtschaftliche und soziale Krise stürzte die Tuareg in grosse Armut, während gleichzeitig der Vorwurf an die malische Regierung wuchs, die Notlage der Tuareg bewusst zu ignorieren. Die langjährigen Missstände und die sozialen und wirtschaftlichen Herausforderungen in der Region führten zur zweiten Tuareg-Rebellion von 1990-1995. 

Ein erster Schritt zur Beendigung der Rebellion stellte das Rahmenabkommen von Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso, welches die Dezentralisierung der Verwaltung ankündigte und den Tuareg mehr politische Mitbestimmung ermöglichte. Schlussendlich kam es 1995 zur Friedensvereinbarung in Mali und Niger, die den Grundstein zur wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung in den betroffenen Regionen legte. Zudem wurde den Tuareg politischer Einfluss auf die ressourcenreichen Regionen im Norden zugesprochen, was von zentraler Bedeutung für ihre politische Integration war. 

Der Friedensvertrag von 1995 beendete zwar die damalige Rebellion, ging jedoch an den tieferliegenden strukturellen Problemen vorbei. Da zentrale Ursachen wie politische Ausgrenzung, wirtschaftliche Benachteiligung und mangelnde staatliche Präsenz nicht nachhaltig gelöst wurden, flammten die Konflikte in den folgenden Jahren immer wieder auf. Bis heute sind die Tuareg in vielen Bereichen benachteiligt, auch wenn es punktuelle Fortschritte gibt und sich die Situation je nach Region unterschiedlich entwickelt hat. 

Vor diesem historischen und sozialen Hintergrund wird deutlich, dass die Musik der Tuareg weit über eine rein ästhetische Ausdrucksform hinausgeht. Sie dient als Medium des kulturellen und politischen Widerstands, als Träger kollektiver Identität und als verbindendes Element innerhalb einer über weite Regionen verstreuten Gemeinschaft. Musik ermöglicht es den Tuareg, ihre Erfahrungen von Marginalisierung, Mobilität und Zugehörigkeit hörbar zu machen und dabei geografische, kulturelle und soziale Grenzen zu überschreiten. 

Auch Imarhan stehen in dieser Tradition und entwickeln sie zugleich weiter. Mit Essam lösen sie sich teilweise vom klassischen, gitarrengetriebenen, bluesig-psychedelischen Sound des Desert Blues und öffnen ihre Musik hin zu einem moderneren, experimentelleren Klangbild. Diese Weiterentwicklung kann als Ausdruck einer sich wandelnden, aber weiterhin widerständigen Identität verstanden werden: Imarhan bewahrt ihre kulturellen Wurzeln, während sie neue musikalische Wege erkundet und damit zeigt, dass auch Widerstand und Identität keine statischen, sondern dynamische Prozesse sind. 

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Die besten Tracks findest du in dieser Playlist:

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Playlist: 

Imarhan – Essam 

Ahitmanin 

Derhan N’Oulhine 

Tellalt 

Tamiditin 

Okcheur 

Azaman Amoutay 

Tin Arayth 

Tinfoussen 

Adounia Tochal 

Assagasswar

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