Indische Musiktraditionen sind keine festgeschriebenen Formen, sondern gelten als ein offenes Feld, das sich durch Zeit, Orte und Biografien hindurch verändert. Sowohl Syncretic von Bhairavi Raman und Nanthesh Sivarajah als auch die jüngste EP von Anoushka Shankar setzen bei klassischem Wissen und überlieferten Formen an, um diese in zeitgenössische Kontexte zu überführen. Dabei entstehen Klangräume, in denen Herkunft und Gegenwart, lokale Verankerung und globale Perspektive ineinandergreifen.
Ein schwebender Geigenton, der sich langsam entfaltet und darunter das atmende Pulsieren der Mridangam. Syncretic beginnt wie ein vorsichtiges Annähern, bei dem sich Klangflächen öffnen und sich wieder schliessen, Tradition durch moderne Texturen hindurchscheint, ohne dabei ihre Kontur zu verlieren. Das Debütalbum des australischen Duos Bhairavi Raman und Nanthesh Sivarajah ist kein lauter Bruch, sondern ein leises Zusammenführen von Orten, Erinnerungen und musikalischen Welten.
Bhairavi Raman, Violinistin mit Ausbildung in westlicher Klassik und südindischer Carnatic-Musik (klassiche Südindische Musiktradition), und Nanthesh Sivarajah, Mridangam-Spieler und vielseitiger Perkussionist, teilen ein tamilisches Erbe, das sich wie ein feiner Resonanzraum durch das Album zieht. Ihre Biografien schreiben sich in die Musik ein und somit entsteht mit Syncretic ein Raum, in dem diasporische Erfahrung, klassische Formen und zeitgenössische Klangsprachen miteinander in Dialog treten.
Seven wurde am 05. November 2025 via Efficient Space veröffentlicht.
Im Zentrum steht Ramans Violinspiel, auf einem Instrument, das selbst seit dem späten 18. Jahrhundert zwischen Ost und West vermittelt. Ihre Herangehensweise verbindet Geschichte, Linie und Experiment, ohne die Tradition zu fixieren. Die Erweiterung traditioneller Musik verlangt immer besondere Sensibilität und gerade deshalb beeindruckt die stille Leichtigkeit und Zurückhaltung, mit der Syncretic sich auf diesen Weg einlässt. Das Carnatic-Gerüst bleibt spürbar, auch wenn es durch Delays, Looping, feine Layer und synthetisierte Harmonien gebrochen wird. Die zeitgenössischen Mittel überformen nicht, sondern sie kippen den Blickwinkel. Tradition erscheint hier vertraut und zugleich neu ausgeleuchtet.
Sycretic wurde am 28. November 2025 via Efficient Space veröffentlicht.
Mit Syncretic erscheint Kultur nicht als abgeschlossenes Archiv, sondern als lebendiges Material, das ständig zirkuliert und sich wandelt. Bhairavi Raman und Nanthesh Sivarajah verdichten in ihrem wunderschönen Debüt tamilisches Erbe, diasporische Erinnerungen und gegenwärtige Praxen und es bleibt ein Klangraum bestehen, der im Ohr, im Körper und in der Vorstellung nachhallt.
„Three chapters, three geographies“
Auch Anoushka Shankar denkt Tradition als Bewegung. Mit Chapter III: We Return To Light schliesst die gefeierte Sitarspielerin, Produzentin und Komponistin eine Trilogie ab, die ihren Start in ihrem Tagebuch fand. Als Skizze für ein Projekt, das musikalische Herkunft, globale Wege und kollaborative Offenheit miteinander verknüpfen sollte, schrieb sie in einem Café in Goa „Three chapters, three geographies“. Nach Chapter I: Forever, For Now und dem GRAMMY-nominierten Chapter II: How Dark It Is Before Dawn markiert das ebenfalls mehrfach GRAMMY-nominierte finale Kapitel einen Moment der Rückkehr und Aufhellung. We Return To Light spannt einen Bogen über Kontinente und Klangräume hinweg und verdichtet Shankars Praxis zu einer Musik, die Verwurzelung als fortwährende Transformation versteht.
Chapter III: We Return To Light wurde am 14. März 2025 via LEITER veröffentlicht.
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Die besten Tracks findest du in dieser Playlist:
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Playlist:
Bhairavi Raman & Nanthesh Sivarajah – Syncretic
Awakening
Elemental
Unfolding
Thunbam Nergayil (Trad.)
Seven
Guardian
Kindling
Anoushka Shankar – Chapter III: We Return to Light
Daybreak ft. Alam Khan, Sarathy Korwar
Hiraeth ft. Alam Khan, Sarathy Korwar
Dancing on Scorched Earth ft. Alam Khan, Sarathy Korwar
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