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Ever New! - Das bewegte Leben von Beverly Glenn-Copeland

In seinem Leben gab es drei grosse Herausforderungen, sagt Beverly Glenn-Copeland heute im stolzen Alter von 82 Jahren: als Transmann durch eine heteronormative, als schwarzer Mensch durch eine weiss-dominierte und als Künstler durch eine profitorientierte Welt zu navigieren. Trotzdem trägt der Sänger stets ein herzliches Lächeln im Gesicht, das von einer grundauf positiven Einstellung zum Menschen und dem Leben zeugt. Gut zehn Jahre ist es her, als der bis dahin unbekannte Künstler von einer neuen Generation entdeckt wurde. Seine Alben aus den 70er- und 80er-Jahren, die vorher eine halbe Ewigkeit in Plattenläden Staub fingen, werden plötzlich zu beliebten Sammlerobjekten. Mit weit über 70 Jahren tritt Beverly Glenn-Copeland seine erste Welttournee an. Was macht seine Musik so speziell, und was hat es gebraucht, damit die Welt auf den Geschmack kommt? Mehr gibt’s in der vollen Sendung.

Das innere Licht

Geboren in eine schwarze Quäker-Familie in Philadelphia, spielt Spiritualität im Leben von Beverly Glenn-Copeland schon früh eine Rolle. Anders als andere christliche Gemeinschaften suchen die Quäker religiöse Erfahrungen in inneren Prozessen, da – so der Glaube – jeder Mensch das Licht Gottes in sich trägt. Beide Eltern arbeiten im Bildungsbereich, der Vater, ein passionierter Pianist, verbringt seine Feierabende stillschweigend hinter dem Instrument. Schnell wird klar: Auch Beverly soll Klavier spielen. Eingeschüchtert vom immensen Können des Vaters und dem Gedanken, immer in dessen Schatten zu stehen, zieht es ihn jedoch eher zum Gesang. Und das mit grossem Erfolg. Schon früh kann sich Beverly Glenn-Copeland einen Platz an der prestigeträchtigen McGill University in Montreal ergattern, als einer der ersten schwarzen Studenten. Im Studium für klassischen Gesang interessiert sich Glenn, wie er heute von Freunden und Familienangehörigen genannt wird, vor allem für das Genre der Lieder – ausdrucksstarke kurze Stücke mit poetischen Texten, einfachen Begleitungen und viel Freiraum für die Entfaltung der Stimme. Dennoch fühlt er sich zunehmend unwohl in den starren Strukturen der Universität. Dazu kommt, dass er als damals noch weiblich gelesene Person, die romantisches Interesse an Frauen zeigt, von vielen Seiten antagonisiert wird. Einer erzwungenen Konversionstherapie kann er zum Glück entfliehen. Er schlägt sich als Singer-Songwriter durch und nimmt 1970 zwei vom anhaltenden Folk-Revival nordamerikanischer Künstler*innen wie Joni Mitchell oder Bob Dylan inspirierte LPs auf. Intim, verletzlich, ohne aber an Wucht einzubüssen, ist hier Beverly Glenn-Copelands von jahrelangem klassischem Training geformte, unglaublich vielschichtige Stimme zum ersten Mal auf einer Aufnahme zu hören.

Verkleidespiel und Computerliebe

Der grosse Erfolg bleibt aus. Die beiden ersten Alben verkaufen sich kaum, zeitgleich nimmt Glenns Karriere eine unerwartete Wendung. Schon als Kind träumte er von einer Karriere als Slapstick-Comedian à la Charlie Chaplin. Mit dem Engagement als Autor, Schauspieler und Komponist der beliebten kanadischen Kinderserie Mr. Dressup kann Glenn zum ersten Mal von seiner Kunst leben. Über Jahrzehnte wird er zu einem Publikumsliebling. Die Möglichkeit, in Welten der kindlichen Vorstellung einzutauchen, eröffnet Glenn neue kreative Dimensionen. Trotzdem ist der Erfolg auch mit einem gewissen Zwang zur Konformität verbunden, der es unmöglich macht, eine nicht heteronormative Lebensweise in der Öffentlichkeit auszuleben. Ausserhalb seiner Arbeit lebt er zurückgezogen in einem Haus im Wald. Trotz dieser Nähe zur Natur wächst in ihm auch eine grosse Faszination für die neusten technologischen Entwicklungen. Er kauft sich die ersten für den Individualgebrauch konzipierten Rechner und tobt sich auf Synthesizern aus. Diese ermöglichen es ihm – so Glenn später –, alle Klänge, die bereits in seinem Kopf existierten, endlich einzufangen. Stück für Stück entsteht das Album Keyboard Fantasies, eine Erkundung völlig neuer elektronischer Klanglandschaften. Trotz des maschinellen Hintergrunds aller eingespielten Instrumente klingt Keyboard Fantasies zu keiner Stelle kühl oder robotisch. Das Album strotzt vor Lebensenergie. Inzwischen praktizierender Buddhist, verarbeitet Glenn seine neu gefundene Einstellung zur unergründlichen Vielfalt menschlicher Realitäten und Naturverbundenheit in den Texten. Aber auch die einfachen Freuden des Lebens werden zelebriert: «Let us dance down the road!»

Als Rentner zum Weltstar

Wie bereits die ersten beiden Alben verkauft sich auch Keyboard Fantasies mehr schlecht als recht. Von 120 gepressten Platten geht nur rund die Hälfte über die Kasse. Unter den wenigen Käuferinnen, so Glenn, sei eine Gruppe von Müttern gewesen, die das Album ihren Kindern zum Einschlafen vorspielten. Die gleichen Kinder kaufen nun Tickets für seine Shows, schmunzelt er. Tatsächlich wird Keyboard Fantasies 2015 durch die Faszination eines japanischen Plattensammlers plötzlich zu einem Phänomen auf Internetforen. Es folgen zahlreiche Neuauflagen, und auch die beiden ersten LPs geniessen neue Beliebtheit. Beverly Glenn-Copeland, inzwischen verheiratet mit der Künstlerin und Poetin Elizabeth Copeland, wird im stolzen Alter von 70 Jahren zum Weltstar. Seinen neu gefundenen Ruhm nutzt er nicht nur für zahlreiche Tourneen in der ganzen Welt. Als Aktivist sieht er sich verpflichtet, für die Rechte anderer Transpersonen einzustehen. Zusammen mit der Red Hot Organization arbeitet er an der Compilation Transa: eine über dreistündige Zusammenstellung von Songs von über 100 Künstlerinnen. Eine grosse Feier der musikalischen Errungenschaften der Trans-Community und ein Testament für den unermüdlichen Kampf für die Rechte und Sichtbarkeit von transgeschlechtlichen Menschen. Ebenfalls auf der Compilation enthalten ist eine bewegende Neuinterpretation des Keyboard-Fantasies-Klassikers Ever New, eingesungen von Glenn und Sam Smith.

Playlist

Beverly Glenn-Copeland - Untitled (Make the Answer "Yes")

Beverly Glenn-Copeland - Good Morning Blues

Beverly Glenn-Copeland - Durocher

Beverly Glenn-Copeland - Northwind

Beverly Glenn-Copeland - Interval

Beverly Glenn-Copeland - Don't Despair - Jazz Version

Beverly Glenn-Copeland - Ever New

Beverly Glenn-Copeland - Winter Astral

Beverly Glenn-Copeland - Let Us Dance

Beverly Glenn-Copeland - Slow Dance

Beverly Glenn-Copeland - Old Melody

Beverly Glenn-Copeland - Sunset Village

Beverly Glenn-Copeland - Colour of Anyhow

Beverly Glenn-Copeland - Ghost House

Beverly Glenn-Copeland - Complainin' Blues

Beverly Glenn-Copeland - Song from Beads

Beverly Glenn-Copeland - Cumberland Passing

Beverly Glenn-Copeland - Erzili

Beverly Glenn-Copeland - Montreal Main (The Buddha In The Palm)

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