Die Reise geht weiter! Nachdem wir uns vor zwei Wochen dem Morna und seinen melancholischen, sehnsuchtsvollen Liedern von Abschied, Migration und Heimweh gewidmet haben, wird es im zweiten Teil unserer Kap-Verde-Serie energetischer und rebellischer. Weg von akustischen Klängen, hin zu elektrifizierten, kosmischen Sounds. Von der von Trauer geprägten Realitätsbewältigung des Morna hin zur rebellischen Ekstase des Funaná. Hör rein!
Kosmische Strahlung im Archipel
Ab den 70er-Jahren beginnt in der Musikszene Kap Verdes eine unerwartete Entwicklung. Obwohl viele Haushalte keinen Zugang zu Elektrizität haben und moderne Instrumente für einen Grossteil der Bevölkerung kaum erschwinglich sind, dominieren Synthesizer, elektrische Orgeln und Drum Machines plötzlich das musikalische Geschehen. Seine Anfänge hat der kosmische Sound der Kap Verden der Legende nach bei einem Schiff, das 1968 an der Küste der Insel São Nicolau strandet. Beladen mit der neuesten Technologie der elektronischen Musik, ist die Ware eigentlich für eine Messe in Brasilien gedacht, kommt aber unter mysteriösen Umständen vom Kurs ab. Die Instrumente finden schliesslich ihren Weg in Kirchen und Schulen – oftmals die einzigen Orte mit Stromanschluss in den Dörfern des Archipels – wo sie von einer neuen Generation intuitiv entdeckt werden. Ohne die Prägung durch bestehende Konventionen im Umgang mit den Instrumenten fügen junge Musikerinnen diese neuen Einflüsse organisch in bestehende musikalische Traditionen ein, allen voran die Coladeira – ein Stil, gekennzeichnet durch schnelle, lebhafte Rhythmen und stark synkopierte Melodien.
Der Atem des Widerstands
Die musikalische Welt der Kap Verden ist untrennbar mit der kolonialen Vergangenheit verbunden. Eine Erfahrung, die tiefe Spuren hinterliess: Armut, Hungersnöte und politische Unterdrückung prägten über die Jahrhunderte das Leben eines Grossteils der Bevölkerung. Während die Morna als melancholische Reflexion dieser Erfahrungen gilt, verkörpert der Funaná eine völlig andere Energie; er ist schnell, dynamisch und voller Lebensfreude. Genau diese Ausdruckskraft machte ihn für die portugiesische Kolonialregierung gefährlich, sodass Funaná über Jahrzehnte verboten blieb. Der Stil galt als rebellisch und vulgär, Musiker*innen drohten Geldstrafen und Freiheitsentzug. Der Funaná überlebte jedoch im Verborgenen: An abgelegenen Dorffesten oder in geheimen Bars wurden die wilden Akkordeonklänge zu einem Symbol des Widerstands, der kulturellen Selbstbehauptung gegen koloniale Kontrolle. Erst nach der Unabhängigkeit in den 1970ern konnte sich das Genre frei entfalten. Künstler wie Bitori brachten diese lange unterdrückte Musik erstmals ins Studio.
Playlist
Bana - Canta Cu Alma Magoada
Bana - Pontin Pontin
Pedrinho - Nanda
Nhú de Ped'Bia - Nós Criola
Fany Havest - That Day
Tulipa Negra - Corpo Limpo
Val Xalino - Dança Dança T'Manche
Elisio Gomes - Chuma Lopes
Tchiss Lopes - É Bô Problema
Kola - Lameirao
CABO VERDE SHOW - Nova Coladeira
Tam Tam 2000 - Melhor Futuro
Pedrinho - Chema
Jose Casimiro - Morti Sta Bidjàcu
Dionisio Maio - Dia Ja Manche
Antonio Sanches - Pinta Manta
Pedrinho - Ódio Sem Valor
Abel Lima - Corre Riba, Corre Baixo
Elisio Vieira - Capchona
Bitori - Cabalo
Bitori - Bitori Nha Bibinha