Dave Brubeck nannte sie eine der grossartigsten Pianistinnen überhaupt, Bill Evans reagierte nach einem Konzert von Jessica Williams verdutzt auf ihr enormes musikalisches Talent: "Where the hell did she come from?" Trotzdem ist Jessica Williams heute eher ein Geheimtipp. Bis auf zwei Grammy-Nominationen blieb der grosse Erfolg für die Künstlerin aus. In den letzten Jahren ihres Lebens litt sie an ihrem zunehmend zerbrechlichen Gesundheitszustand. Zuletzt musste sie sogar ihren Flügel verkaufen, um die Kosten ihrer Behandlungen decken zu können. 2022 starb Williams kurz vor ihrem 74. Geburtstag. Wir schauen zurück auf die Karriere einer einzigartigen Künstlerin, die mal verspielt energiegeladen, mal introspektiv suchend die Grenzen ihres Instruments erkundet hat. Hör rein!
Genialität im Verborgenen!
Bei ihrer Grossmutter zu Besuch entdeckte Jessica Williams im frühen Kindesalter das Klavier. Wie fixiert begab sie sich aus Eigenantrieb in Isolation. Während andere Kinder draussen Räuber und Polizist spielten, übte Williams Rachmaninoff-Konzerte. Als sie dann weite Passagen zu improvisieren begann, weihte sie ihr Klavierlehrer in die Welt des Jazz ein. Der erste Berührungspunkt war Dave Brubeck, der später ein verschworener Fan der Pianistin wurde. Jedoch ist es ein anderer Pianist, der ihr völlig neue Dimensionen des Klavierspiels eröffnete. Weg von der Präzision und den starren Formen der klassischen Musik klingt Thelonious Monks Spiel manchmal, als würde er mit Boxhandschuhen vor dem Piano sitzen. Monks Devise – die einzige richtige Art zu spielen ist die Art, die für dich funktioniert – nahm sich Williams zu Herzen. Gekonnt vermischte sie Jazz-Standards mit den Dissonanzen der Zwölftonmusik, liess das Klavier nicht nur durch das Betätigen der Tasten klingen, sondern griff auch ins Instrument und zupfte die metallenen Saiten von Hand. Ihre ganze Karriere lang blieb Thelonious Monk ein wichtiger Referenzpunkt. Immer wieder interpretierte sie seine Kompositionen auf ihren eigenen Alben neu. Zum Beispiel auf dem letzten Track der 1990 erschienenen Langspielplatte …And Then There’s This!, wo sie ihren Drummer Kenny Wollesen und ihren Bassisten John Wiitala zurücklässt und den Monk-Tune I Mean You für sich erkundet.
Mitte der 70er-Jahre zog Jessica Williams von ihrer Heimatstadt Baltimore nach San Francisco. Die sonst so introvertierte Künstlerin, die gerne lange Nächte in Einsamkeit mit ihrem Klavier verbrachte, wurde plötzlich in das Nachtleben der Stadt hereinkatapultiert. Ihr Talent blieb nicht lange unentdeckt – schon bald wurde sie Hauspianistin im Keystone Korner Jazz Club. Vor und nach Konzerten verblüffte sie das Publikum mit ausschweifenden Soloimprovisationen oder trat mit Jazz-Legenden wie Stan Getz oder Dexter Gordon auf der Bühne auf. Die meisten ihrer Aufnahmen entstanden im Trio oder solo. Eine Ausnahme bildet die Platte Orgonomic Music. Aufgenommen im Septett wirkt der Sound jedoch an keinem Punkt überladen, sondern zieht einen vielmehr durch warme Klänge in eine träumerische Landschaft aus kreisförmigen Kompositionen.
Identität und Widerstand
Mit Namen wie Ma Rainey oder Billy Tipton lässt sich Jessica in eine im Jazz besonders reiche Reihe an queeren Pionier*innen einordnen. Jessica Williams machte nie ein Geheimnis aus ihrer Transidentität, jedoch äusserte sich die von Grund auf eher zurückhaltende Musikerin in Interviews kaum dazu. Trotzdem nutzte sie die Liner Notes ihrer Alben oft für ausschweifende Appelle für eine gerechtere und solidarischere Gesellschaft. Dabei bezog sie sich nicht nur auf die queere Bewegung, sondern äusserte wiederholt auch ihre Unterstützung für die amerikanische Bürgerrechtsbewegung. Der Track Stonewall Blues ist eine Hommage an die zahlreichen mutigen Menschen, die sich 1969 in den Stonewall Riots gegen queerfeindliche polizeiliche Gewalt auflehnten.
Ihre experimentierfreudigsten und zugleich persönlichsten Kompositionen schuf Jessica Williams in den Jahren 1985–87. Nach Jahren im Rampenlicht zog sie sich zurück, auf der Suche nach einer grösseren inneren Realität. Sie entfernte sich von den formalen Aspekten ihres Spiels und tauchte immer mehr in die Klangfarbe des Klaviers ein. Dabei nutzte sie die von John Cage revolutionierten Techniken des Prepared Piano. Mittels Nägeln, Radiergummis und anderen Objekten, die in die Saiten des Klaviers gespannt werden, wird der Klang manipuliert. Einige Tasten klingen anschliessend wie Kirchenglocken, andere wie meditative Klangschalen. Auf dem Track Odun-de verwandelt Jessica Williams ihr Klavier in ein ganzes Gamelanorchester. Hier ist kein Klavier mehr hörbar, sondern ein Ensemble aus Schlagwerken.
Playlist
Jessica Williams - Easter Parade
Jessica Williams - The House That Rouse Built
Jessica Williams - The Weapon of Truth
Jessica Williams - ...And Then, There's This!
Jessica Williams - I Mean You
Jessica Williams - Stonewall Blues
Jessica Williams - Taking a Chance on Love
Jessica Williams - Krieselwelle
Jessica Williams - The Demise of Armored Man
Jessica Williams - To the Children of the Future
Jessica Williams - Orgone
Jessica Williams - The Child Within
Jessica Williams - Up The Entropy Slope
Jessica Williams - The Quilt
Jessica Williams - Newk's Fluke
Jessica Williams – Blue Abstraction
Jessica Williams – Portrait of Picasso II
Jessica Williams – Odun-de
Jessica Williams – Snow