Die grösste Zeit ihres Lebens habe sie in Bussen, Vans oder Autos verbracht, schreibt Rickie Lee Jones in ihrer Autobiografie Last Chance Texaco. Im Buch gliedert sie ihr Leben in drei Abschnitte: die Zeit ihrer Kindheit, als sie lange Fahrten vor allem auf der Rückbank verbrachte; die Zeit ihrer Jugend und beginnenden Musikkarriere, die sie oft auf dem Beifahrersitz erlebte; und die Zeit ihrer endgültigen künstlerischen Emanzipation, in der sie nicht nur die Kontrolle über den Verlauf ihres Lebens übernahm, sondern hinter dem Steuerrad auch selbst entschied, wohin die Reise ging. In ihren Songtexten verarbeitet sie Landschaften und Menschen, die an ihr vorbeiziehen – intim, eindringlich und menschlich. Die ganze Sendung gibt es hier zum Nachhören.
Geschichten einer Reisenden
Aufgewachsen in instabilen Verhältnissen, flüchtet Rickie Lee Jones als Kind in Fantasiewelten. Inspiriert vom Rock ’n’ Roll, der im Amerika der 1960er-Jahre die Radiofrequenzen flutet, sowie von dessen Versprechen alternativer Lebensweisen und grenzenloser Freiheit, verlässt sie mit 14 Jahren ihr Zuhause, um per Anhalter durch die Vereinigten Staaten zu reisen. Sie lebt in Armut und hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, bevor sie sich Mitte der 1970er-Jahre in Venice Beach in Los Angeles niederlässt. Das heutige Trendviertel ist damals berüchtigt für hohe Kriminalitätsraten, aber auch für seine florierende Kunstszene, begünstigt durch tiefe Mieten und eine grosse Vielfalt an Bars und kulturellen Veranstaltungsorten. Sie beginnt regelmässig in kleinen Clubs aufzutreten und freundet sich mit anderen Künstler*innen der lokalen Szene an. In dieser Zeit lernt sie auch Tom Waits kennen, mit dem sie über Jahre eine romantische Beziehung führt. Die beiden damals noch unbekannten Troubadoure tauschen sich über ihre Musik aus und unterstützen sich gegenseitig. 1979 gelingt Rickie Lee Jones schliesslich der Durchbruch mit dem Song Chuck E’s in Love, bis heute ihr bekanntester Titel – eine federleichte, jazzige Pop-Hymne über jugendliche Liebe. Auf dem selbstbetitelten Debütalbum finden sich jedoch auch düstere Klangbilder. Der Track Coolsville beleuchtet die zwielichtige Umgebung ihrer damaligen Heimat.
Einsamkeit, Erinnerung, Aufbruch
Der Erfolg kommt unerwartet. Die wachsende Anerkennung bedeutet für Rickie Lee Jones gleichzeitig auch den Verlust ihres bisherigen Lebens in Los Angeles. Die Beziehung zu Tom Waits zerbricht, vertraute Strukturen verschwinden. Auf der Suche nach einem Neuanfang zieht die junge Künstlerin nach New York. In der Anonymität der Grossstadt zieht sie sich zurück, um am Material für ihr neues Album Pirates zu arbeiten. Vom eher beobachtenden Charakter des Songwritings auf ihrem Debütalbum wechselt Rickie Lee Jones zu einer persönlicheren und emotionaleren Perspektive. Die Songs handeln von der Vergänglichkeit schöner Erinnerungen, von Verlust und Einsamkeit. Die Stücke werden dynamischer und komplexer. Innerhalb eines einzigen Songs durchlebt Rickie Lee Jones mehrere Emotionen; auf langsame, traurige Passagen folgen plötzlich euphorische Ausbrüche. Der Klang erinnert stellenweise an New York Tendaberry, das dritte Album ihres Idols Laura Nyro. Pirates gilt bis heute als eines der grossen Meisterwerke der Popgeschichte.
Playlist
Rickie Lee Jones - Night Train
Rickie Lee Jones - On Saturday Afternoons in 1963
Rickie Lee Jones - Easy Money
Rickie Lee Jones - Young Blood
Rickie Lee Jones - The Last Chance Texaco
Rickie Lee Jones - Coolsville
Rickie Lee Jones - Weasel and the White Boys Cool
Rickie Lee Jones - Chuck E's in Love
Rickie Lee Jones - Company
Rickie Lee Jones - We Belong Together
Rickie Lee Jones - Living It Up
Rickie Lee Jones - Skeletons
Rickie Lee Jones - Woody and Dutch on the Slow Train to Peking
Rickie Lee Jones - Pirates (So Long Lonely Avenue)
Rickie Lee Jones - A Lucky Guy
Rickie Lee Jones - Traces of the Western Slopes
Rickie Lee Jones - The Returns
Rickie Lee Jones - Prelude to Gravity
Rickie Lee Jones - Gravity
Rickie Lee Jones - Juke Box Fury
Rickie Lee Jones - Magazine
Rickie Lee Jones - The Real End
Rickie Lee Jones - Runaround