In den 50er-Jahren avanciert das New Yorker Künstlerinnenviertel Greenwich Village zum Zentrum des amerikanischen Folk-Revivals. In Kaffees und Bars singen Sängerinnen um die Gunst eines musikliebenden, freigeistlichen Publikums. Einige von ihnen geben Lieder wieder, welche über Jahrhunderte von Generation zu Generation überliefert wurden, andere schreiben neue Tracks mit Bezug auf alte Liedtraditionen. Folk ist schliesslich keine engdefinierte Stilrichtung, sondern lediglich eine Bezeichnung für Musik, die ausserhalb eines akademischen oder professionellen Musikbetriebs – eben im Volk – entstand. So treffen Elemente aus dem Blues und Gospel der amerikanischen Südstaaten im Greenwich Village auf traditionelle Lieder der irischen und schottischen Volksmusik. In der heutigen Sendung nehmen wir Abstand von den grossen Namen des Folk-Revivals wie Bob Dylan oder Simon and Garfunkel und widmen uns fünf unterbeleuchteten, aber nicht minder wegweisenden Sängerinnen der Szene.
Überdauernde Melodien - Jean Ritchie und die Kraft des Appalachian Folk
Wie viele Künstlerinnen der Folk-Szene im Greenwich Village zieht es Jean Ritchie nicht wegen der Musik in die grosse Stadt. Aufgewachsen als jüngstes von 14 Kindern in einer Bauernfamilie im ländlichen Kentucky, arbeitet sie zunächst als Sozialarbeiterin in New York. Schnell wird ihre Umgebung aber auf ihr Gesangstalent aufmerksam. Nicht nur ihre liebliche, hohe Stimme erweckt bei Musikologinnen Interesse, sondern auch das Liedmaterial, das sie von sich gibt. Es sind Stücke, die ihre irisch und schottischstämmigen Eltern mit den Kindern gesungen haben. Texte und Melodien, die zum Teil nie auf Papier festgehalten wurden, trotzdem durch mündliche Überlieferung dutzende Generationen überstanden haben. So sind die ersten Studioaufnahmen Jean Ritchies vorrangig wissenschaftlicher Natur. Es gilt dieses alte Songmaterial festzuhalten, um anschliessend seine Ursprünge zu erforschen. Später in ihrer Karriere schreibt Jean Ritchie auch eigene Texte, ohne jedoch die Struktur des Appalachian Folk über den Haufen zu werfen. Politische Texte über den ökonomischen Zerfall ihrer Heimat in Kentucky veröffentlicht sie zunächst unter einem Pseudonym, aus Angst, ihre apolitischen Eltern zu erzürnen. The L and N Don't Stop Here Anymore ist eine nachdenkliche Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Folgen der Schliessung einer Kohlenmine.
Karen Dalton
Bob Dylan nannte sie einst die beste Sängerin aller Zeiten. Nick Cave sagt in Interviews, es sei sein grösstes Ziel, das Gefühl mit seiner Musik aufzufangen, das er verspürte, als er zum ersten Mal ihre Songs hörte. Mit 21 zieht Karen Dalton, bereits zweifach geschieden und mit ihrer Tochter im Schlepptau, von Oklahoma nach New York. Mit Auftritten in den Kaffees des Greenwich Village hält sie sich über Wasser, mit der professionellen Musikbranche bleibt sie lange auf Abstand. Zeitlebens hat Karen Dalton mit einer Drogenabhängigkeit zu kämpfen, Wegbegleiterinnen beschreiben den Umgang mit ihr als schwierig. Auch den Kontakt zu den beiden Töchtern verliert sie. Obwohl sie keines der Stücke auf ihren beiden Alben geschrieben hat – es handelt sich um alte traditionelle Lieder oder Covers zeitgenössischer Folk-Musiker*innen – fühlt sich jede Aufnahme intim, persönlich und unglaublich ehrlich an. Besonders in Erinnerung bleibt der Track Something On Your Mind. Dalton singt über einen Menschen, der weiss dass sich etwas in seinem Leben verändern muss, gleichzeitig aber nicht die Kraft hat, diese Veränderung einzuleiten.
Playlist:
Jean Ritchie - Jubilee
Jean Ritchie - Old Virginny
Jean Ritchie - The Cuckoo
Jean Ritchie - Black Is the Color
Jean Ritchie - The L and N Don't Stop Here Anymore - Remastered
Jean Ritchie - Blue Diamond Mines - Remastered
Jean Ritchie - With Kitty I'll Go - Remastered
Elizabeth Cotten - Freight Train
Elizabeth Cotten - Going Down the Road Feeling Bad
Elizabeth Cotten - Here Old Rattler Here / Sent For My Fiddle Sent For My Bow / George Buck
Elizabeth Cotten - Sweet Bye and Bye / What A Friend We Have In Jesus
Elizabeth Cotten - Oh Babe It Ain't No Lie
Elizabeth Cotten - Wilson Rag
Odetta - Take This Hammer
Odetta - Spiritual Trilogy / Oh Freedom / Come and Go with Me / I'm on My Way
Odetta - He's Got the Whole World in His Hands
Odetta - Another Man Done Gone
Odetta - Hound Dog
Odetta - Jack O' Diamonds
Hazel Dickens - They'll Never Keep Us Down
Hazel Dickens - Who's That Knocking?
Hazel Dickens - The One I Love is Gone
Karen Dalton - Little Bit Of Rain
Karen Dalton - It Hurts Me Too
Karen Dalton - Katie Cruel
Karen Dalton - In My Own Dream
Karen Dalton - Take Me
Karen Dalton - Something on Your Mind
Karen Dalton - Trouble in Mind
Karen Dalton - Shuckin' Sugar Blues
Karen Dalton - Ribbon Bow