Die sozialen Medien lassen es oft so scheinen, als ob wir alles in unserem Leben selber verändern können und das sogar Müssen. Verschiedene Trends zeichnen ein Bild eines perfekten Lebens, ohne Krankheit, Stress oder Faulheit. Einer dieser Trends spricht eine Männliche Zielgruppe an und boomt extrem: Das Looksmaxxing. Sia Kohler vom Verein Die Feminsten hat das Netzphänomen im Interview eingeordnet. Die Feministen sezten sich ein für eine Weiterentwicklung bestehender Männlichkeitsbilder und wollen Männer für Gleichstellungsthemen begeistern.
Auf Reddit Foren, in Streams oder auch einfach auf Tiktok unterhalten sich Männer seit kurzem vermehrt über die Optimierung des eigenen Aussehens. Verschiedene Creators plädieren für Looksmaxxing. Beim Looksmaxxing geht es, wie der Name suggeriert, darum, seine äussere Schönheit zu maximieren. Dabei werden harmlose Dinge wie Bart- oder Hautpflege und auch Sport angewendet. Jedoch nimmt es dort kein Ende.
Die sogenannte Looksmaxxer machen aus dem äusseren Erscheinungsbild ein Problem, das es zu lösen gilt. Sie brechen alles auf Theorien und vermeintliche Massstäbe herunter, so dass Gesichtsstruktur und Essverhalten zum Objekt genauster Analysen werden.
Sogar die Position der Zunge könne einen entweder besser oder eben schlechter aussehen lassen. Mit oft sehr harscher Wortwahl, die auf viele ungewöhnlich direkt wirkt, geben die Looksmaxxing-Influencer Tipps. Man solle seine Zunge beispielsweise an den Gaumen drücken, so erhalte man mit der Zeit eine definiertere Kieferpartie. Diese Technik nennt sich mewing und ist wissenschaftlich keineswegs fundiert. Doch auch extremere Techniken sind im Umlauf. Eine davon ist das sogenannte bone smashing. Wiederholtes Einschlagen auf Knochen im Gesicht soll Wachstum stimulieren und die Kieferpartie markanter erscheinen lassen. Eine Technik, die schwerwiegende Konsequenzen haben kann.
Schönheit bedeutet Wert
Viele Looksmaxxer sind der Auffassung, sie müssen ihren sozialen Status stets verbessern. Ihrer Meinung nach, gehört dazu auch eine möglichst hohe Attraktivität. Es gilt, je attraktiver, deso wertvoller. Das setzt sich in den Köpfen vieler jungen Männer fest. Sia Kohler vom Verein Die Feministen hat eine Erklärung für die Resonanz, auf die das Looksmaxxing trifft.
Er weist darauf hin, dass Jungen in unserer Gesellschaft noch immer zu einem traditionellen Männlichkeitsbild erzogen werden. Sie müssen stark sein, dürfen wenig Emotionen zeigen und später sollen sie die Ernährer ihrer Familie werden. Jedoch gibt es aber auch immer mehr komplementäre Erwartungen. Gerade von gleichaltrigen werden mehr Empathie, Emotionale Verfügbarkeit und soziale Kompetenzen gefordert. Diese Attribute stehen im Konflikt und fordern das Selbsbild vieler Männer heraus. Sie fühlen sich unsicher und wissen nicht genau, wie sie ihre Männlichkeit leben wollen.
Solche Zustände der Unsicherheit lösen in vielen das Verlangen nach einer Lösung aus.
"Looksmaxxing stellt eine einfache Lösung dar"
Und genau das ist das Looksmaxxing für viele. Indem das eigene Erscheinungsbild optimiert wird, erhofft man sich, dass sich alle Probleme von selbst auflösen. Mit diesem Narrativ sind auch viele Frauen aufgewachsen. Sia Kohler findet aber, beim Looksmaxxing handelt es sich nicht um gewöhnliche Schönheitsideale, wie sie oft für das weibliche Geschlecht gelten. Für ihn stellt sich die Frage, wer durch die Praxis zum Objekt wird.
In manosphere Diskursen scheint es oft klar zu sein, dass der Mann einen Anspruch auf den Körper der Frau hat. Umgekehrt ist das aber nicht der Fall. Sia sieht diesen Anspruch auch beim Looksmaxxing. Indem ein Mann sich mit Attraktivität aufwertet, legitimiert er seinen Anspruch auf die Frau. Das Machtverhältnis ist klar.
Einige Männer in der Manosphere glauben, dass achtzig Prozent der Frauen heute nur noch mit zwanzig Prozent der Männer eine romantische oder sexuelle Beziehung eingehen wollen. Zu diesen zwanzig Prozent zu gehören ist das Ziel vieler Looksmaxxer.
Eine gefährliche Angelegenheit
Das Internetphänomen birgt nicht nur physische Gefahren. Nach Sia Kohler werden duch Looksmaxxing auch soziale Ungleichheiten hervorgehoben. Der Zugang zu plastischer Chirurgie ist beispielweise stark Vermögensabhängig, was vielen nur die Möglichkeit lässt, sich in ungeschütztem Rahmen quasi mit "Hausmitteln" wie bone smashing zu optimieren.
Auch für die mentale Gesundheit von jungen Männern sind Internet Trends wie Looksmaxxing eine grosse Gefahr. Die meisten Männer können den Idealen und Normen, die online dargestellt werden nicht gerecht werden. Das hat einen negativen Einfluss auf das eigene Körperbild. Sia sieht im Schöhnheitwahn zudem die Gefahr, dass sich traditionelle Männlichkeitsbilder und Geshlechterverhältnisse zementieren. Das erzählt er im Interview.
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