Zum bereits zweiten Mal in der deutschen Geschichte geht die AfD in einer deutschen Landtagswahl als stärkste Kraft hervor. Die rechtsextreme Partei plant nicht nur eine völlig neue Umgestaltung der gegenwärtigen deutschen Gesellschaft, ihr Programm sieht auch einen Frontalangriff auf das deutsche Geschichtsverständnis vor. Migrantische oder queere Stimmen gilt es zum Verstummen zu bringen. Deshalb heute im Intravinyl ein Einblick in die faszinierenden Klänge der türkischen Community in Deutschland, von den 60er-Jahren bis in die späten 80er. Musiker*innen, die einer Welt trotzen, die ihnen feindlich gestimmt ist.
Die Nachtigall von Köln spricht Türkisch
1955 schliesst Westdeutschland zum ersten Mal einen sogenannten Anwerbevertrag mit einem Land. Die Industrie boomt, der VW-Käfer wird zum Symbol des beispiellosen wirtschaftlichen Aufstiegs der BRD. Das Problem: Es fehlen Arbeitskräfte. Mit den Anwerbeverträgen sollen deutsche Firmen schnell und unkompliziert qualifizierte Arbeitskräfte aus dem Umland für sich gewinnen können, um Leerstellen zu füllen. 1961 unterzeichnet auch die Türkei ein solches Abkommen. Das Land befindet sich im Umbruch, noch immer ist etwa die Hälfte der Bevölkerung analphabetisch. Mit der Mechanisierung der Landwirtschaft verlieren tausende Menschen auf dem Land ihre Arbeit und ziehen in die Städte. In Istanbul bewerben sich nun Menschen aus allen Regionen der Türkei für Stellen im Wirtschaftswunderland. Zweimal wöchentlich fahren Sonderzüge von Istanbul nach München. 1955, also gut ein halbes Jahrzehnt vor der ersten "Gastarbeiterwelle", zieht der in der Türkei geborene Yılmaz Asöcal für ein Germanistikstudium nach Köln. Ab den 60er-Jahren leistet er Übersetzungsarbeiten für türkische Gastarbeiterinnen und erkennt eine enorme Sehnsucht nach türkischer Musik in der Diaspora. Das von Yılmaz Asöcal 1964 gegründete Plattenlabel Türküola geniesst schnell grosse Beliebtheit. Neben Stars aus der Türkei nimmt er mit der Zeit auch immer mehr Musik von türkischen Gastarbeiterinnen auf. Allen voran die Sängerin Yüksel Özkasap, die in den 60er-Jahren eigentlich nur für wenige Monate in Deutschland arbeiten will, dann aber von Asöcal entdeckt und bei Türküola zum grossen Star wird. Schnell erhält sie den Übernamen Köln'ün Bülbülü („Nachtigall von Köln“). Türküola wird in den 70er-Jahren zeitweise das erfolgreichste unabhängige Label Deutschlands.
Mein deutscher Freund
Während der Grossteil der türkischen Diaspora aus wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland zog, wurde der Sänger und Pionier des Anadolu-Rocks Cem Karaca regelrecht aus seinem Heimatland vertrieben. In der Türkei legte er sich wiederholt mit der politischen Elite auseinander, bis er nach einem Konzert in Deutschland von einem Haftbefehl Wind bekommt. 350 Jahre Gefängnis drohen ihm in der Türkei, Karaca begibt sich ins Exil nach Köln. Dort produziert er weiterhin Musik und beschäftigt sich zunehmend mit den prekären Lebensrealitäten türkischer Gastarbeitender. Er will diese Missstände in seiner Musik sichtbar und auch für deutschsprachige Hörerinnen verständlich machen. 1984 erscheint sein erstes und einziges Album in deutscher Sprache.
Playlist
Cem Karaca - Mein Deutscher Freund
Derdiyoklar - Liebe Gabi
Gülcan Opel - Yaz Dostum
Gülcan Opel - Garip Kaldım Almanya'da
Gülcan Opel - Gurbet Treni
Ali Avaz– Almanyalım Gel
Ali Baran - Ax Baba
Hatay Engin - Kalpsiz
Yüksel Özkasap - Almanya'ya Mecbur Ettin
Yüksel Özkasap - İkimizi Ayıran Zalim Almanya
Yüksel Özkasap - Gurbet Mektubu
Derdiyoklar İkilisi - Maden Ocağı
Derdiyoklar İkilisi- Alman Marki
Derdiyoklar İkilisi - Dam Üstünde Uzun Uzun Bacalar
Cem Karaca - Es Kamen Menschen an
Cem Karaca - Orient Express
Cem Karaca - Willkommen
Ozan Ata Canani - Deutsche Freunde
Ozan Ata Canani - Alle Menschen dieser Erde
Fresh Familee – Ahmet Gündüz
Yusuf - Türkisch Mann - Single Version
Hatay Engin - Ey Çerh-i Sitemger
Hatay Engin - Seni Her Dem Anıyorum