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Bedeutung durch Reduktion - Die Welt des Minimalismus

Ab den 1950ern entsteht in New York eine neue Art des Komponierens. Die Komplexität der Neuen Wiener Schule und ähnliche Bestrebungen, das über Jahrhunderte etablierte Vokabular der westlichen klassischen Musik zu erweitern, werden von den Komponistinnen des Minimalismus über Bord geworfen. Sie finden Bedeutung in der Wiederholung, Transzendenz in der Reduktion. Zum 90. Geburtstag des Minimalismus-Pioniers Steve Reich widmen wir uns zwei Stunden dem Sound des Minimalismus. Von den bedeutendsten Komponisten der ersten Stunde bis zu unterbeleuchteten Visionärinnen, die die ursprünglichen Ideen der Bewegung in neue, ungewohnte Regionen getragen haben.

Gay Guerilla

Heute erlebt Julius Eastman so viel Beliebtheit wie noch nie. In den 90er-Jahren mittel- und obdachlos verstorben, dauerte es Monate, bis die Musikwelt von seinem Dahinscheiden erfuhr. Am Höhepunkt seiner Karriere arbeitet er mit Grössen wie Arthur Russell oder John Cage zusammen. Er gehört zum inneren Kreis der New Yorker Avantgarde, seine Kompositionen geniessen in der Intelligenzia hohe Beachtung. Musik, die sich Zeit lässt, aber die Geduld der Zuhörenden umso mehr belohnt. Titel wie Gay Guerilla zeigen zudem eine weitere wichtige Komponente seines Werks: die radikale Offenlegung der eigenen Sexualität im Angesicht einer queerphoben Gesellschaft. Bei Bühnenauftritten spielt er bewusst mit körperlicher Intimität und Nacktheit. Von der Öffentlichkeit verstossen, verfällt Eastman im späteren Verlauf seines Lebens einer Suchtkrankheit und verliert seinen Halt in der Gesellschaft. Das Wild-Up-Kollektiv widmet sich seit einiger Zeit der Wiederbelebung von Eastmans Kompositionen. Sorgfältig aufgearbeitet in inzwischen fünf Volumes.

Hinter den Spiegeln

Nach ihrem Abschluss an der Musikschule der Universität Tokyo zieht es Midori Takada nach Berlin, wo sie Mitte der 70er-Jahre eine Anstellung als Perkussionistin beim RIAS-Sinfonie-Orchester annimmt. Schon schnell gelangweilt vom Repertoire der westlichen klassischen Musik, streckt sie ihre Fühler gegen Osten. Wie die Pionier*innen des Minimalismus Jahrzehnte vor ihr entwickelt auch sie eine grosse Wertschätzung für die indonesische Gamelan-Musik. Zurück in Japan gründet sie das Mkwaju-Ensemble, dem nicht zuletzt auch der spätere Studio-Ghibli-Komponist Joe Hisaishi angehört. Nach zwei LPs mit dem Ensemble nimmt sie 1983 ihr Solo-Debütalbum Through the Looking Glass auf. Jedes Instrument selber eingespielt, von Trommeln und Gongs über Marimba und Vibraphon bis zu Flöten und Klangschalen. Ein perkussionslastiges Werk mit hypnotischer Ausstrahlung. Über die Jahre in Vergessenheit geraten, mit dem Internet aber eine neue Fangemeinde unter abenteuerlichen Musikfans gefunden, gilt Through the Looking Glass als Meisterwerk des internationalen Minimalismus und der Ambientmusik zugleich.

Playlist:  

Philip Glass - Glassworks: I. Opening  

Philip Glass – Floe  

Steve Reich - Music for 18 Musicians: Pulses  

Steve Reich - Music for 18 Musicians: Section I   

Julius Eastman - No. 4, Melt To and Back Again  

Julius Eastman - No. 5, Dies Irae  

Meredith Monk - Dolmen Music  

Charlemagne Palestine – Karenina Revisited   

Laurie Spiegel - A Folk Study  

Laurie Spiegel – Patchwork  

Laurie Anderson - Sharkey's Day  

Laurie Anderson - Blue Lagoon  

Midori Takada – Crossing 

Midori Takada – Trompe-l'œil  

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