Von nicht wenigen Menschen als Prophet oder sogar als heiliger verehrt ist John Coltrane mehr als nur ein Künstler. Selbst beschrieb er sein Saxophonspiel als Gebet oder Meditation. Zum 100. Geburtstag des grossen Jazz-Innovators nehmen wir gerade diese spirituelle Dimension in Coltranes Werk genauer unter dies Lupe. Von ruhigen, kontemplativen Balladen, bis zu ungehemmt exkstatischen Ausbrüchen, John Coltrane hinterlässt ein Werk, dass auch rund 60 Jahre nach seinem Tod voller Überraschungen steckt.
Die Stimme Gottes
Aufgewachsen im tiefen Süden der USA in einem generationenübergreifenden Haushalt, erlebt Coltrane innerhalb weniger Monate den Tod seines Vaters, seiner Tante und seiner Grosseltern. 1945, am Tag an dem das amerikanische Militär die erste Atombombe über Japan abwirft meldet er sich 18-jährig für die Navy. Coltrane wird dorthin bezogen, wo die kriegerischen Auseinandersetzungen mit Japan ihren Anfang fanden. Auf der Militärbasis in Pearl Harbor spielt er in ersten Bands. Und auch nach dem Militärdienst schlägt er sich als Saxophonist in verschiedenen Formationen durch. Wie sein grosses Idol Charlie Parker entwickelt John Coltrane in den 50er Jahren eine Heroinabhängigkeit. 1955 wird er Teil des Quintet von Trompeter Miles Davis, bevor dieser ihn wegen seinem Drogenmissbrauch aus der Band schmeisst. 1957 versucht sich Coltrane durch einen kalten Enzug von seiner Sucht zu befreien. Zu Hause bei seiner Frau Naima und der gemeinsamen Tochter, hört er, wie er später in den Liner Notes zu seinem Album A Love Supreme, schildert, die Stimme Gottes. Es sei der Moment gewesen seines spirituellen Erwachens. Acht Jahre später verarbeitet er dieses Erlebnis in einer vierteiligen Suite, die er eingeschlossen in seinem Schlafzimmer über mehrere Tage auf Notenpapier auskomponiert. A Love Supreme gilt heute als Meilenstein der Jazzgeschichte, nicht nur wegen seiner beeindruckenden Programmatik und Dramaturgie, sondern auch des einzigartig kontemplativen Tenor-Saxophon Spiels Coltranes.
Peace On Earth
Als John Coltrane zurückgezogen im Obergeschoss seines Hauses in Long Island A Love Supreme komponiert, kümmert sich Alice Coltrane über Wochen alleine um den Haushalt und die zwei gemeinsamen Kinder. Die beiden haben sich 1963 kennengelernt als Alice im Quartett von Terry Gibbs mehrere Konzertabende mit Coltranes Band bestritt. Coltrane verlässt Naima, seine erste Frau, bleibt ihr jedoch durch eine tiefe Freundschaft bis an sein Lebensende verbunden. Mit Alice findet er eine Person, die nicht nur musikalisch auf der gleichen Wellenlänge zu sein schein, sondern auch eine Partnerin, die er später als seine Spirituelle Begleiterin beschreibt. Mit Alice teilt und verstärkt Coltrane seine Faszination für Philosophie, religiöse Texte und indische Spiritualität. 1965 ersetzt Alice, John Coltranes langjähriger Pianist McCoy Tyner und bringt völlig neue Klangstrukturen in Coltranes Werk. Als Coltrane 1967 unerwartet an Krebs stirbt, setzt sich Alice vermehrt mit der Harfe auseinander. Eines der letzten Geschenke von John an Alice Coltrane war eine vergoldete Konzertharfe. Schon schnell beherrscht sie das Instrument und verwendet es in der Ausarbeitung posthumer Veröffentlichungen ihres Mannes. Tracks wie Peace On Earth sind natürlich mit Kontroversen verbunden, da John Coltrane nie seine Zustimmung für deren Veröffentlichung geben konnte und viele in den ausschweifenden Streicher-Arrangements und Harfensoli eine Selbstprofilierung von Seiten Alice Coltranes sehen. Trotzdem lässt die Aufnahme nur die wenigsten kalt. Grandios und mystisch, fragend und aufbrecherisch.
Playlist
John Coltrane - My Favorite Things
John Coltrane Quartet - Africa
John Coltrane - Naima - 2020 Remaster
John Coltrane - Dear Lord
John Coltrane - Alabama
John Coltrane - A Love Supreme, Pt. I – Acknowledgement
John Coltrane - A Love Supreme, Pt. II - Resolution
John Coltrane - A Love Supreme, Pt. IV - Psalm
John Coltrane - Peace On Earth
John Coltrane - Stellar Regions (Venus)
John Coltrane - Iris
John Coltrane - Ascension - Edition II / Pt. 2