"Die Schweiz hatte nie Kolonien und war immer neutral." Diesen Satz haben wir alle in der Schule gelernt. In der neusten Ausgabe von Krass Politic räumen die 3FACH-Hosts Rihanna und Jaina mit dem grössten Schweizer Geschichtsmythos auf. Sie zeigen, wie massiv die Schweiz vom Sklavenhandel profitierte – und warum diese koloniale Vergangenheit bis heute unseren Alltag in Luzern prägt.
Wer in der Schweiz als Schwarze Person oder Person of Color aufwächst, kennt die Frage nur zu gut: "Woher kommst du wirklich?" Man wird konsequent als "fremd" gelesen. Dabei sind die Kontinente durch die Wirtschaft seit Jahrhunderten eng miteinander verbunden. Und die Schweiz steckte mittendrin.
Die Krass Politic-Hosts Rihanna (Schwarz, Schweizerin mit indigenen Taino-Wurzeln) und Jaina (Schwarz, gambisch-kurdische Wurzeln) haben in der Sendung ihre eigenen Familiengeschichten auf den Tisch gelegt. Dabei zeigt sich: Ihre Wurzeln kreuzen sich auf brutale Weise in der Schweizer Geschichte.
Das Konzept dahinter nennt die Wissenschaft "Kolonialismus ohne Kolonien". Die Schweiz hatte zwar keine eigene Flagge in Übersee in den Boden gerammt, hat aber als Trittbrettfahrerin massiv vom rassistischen Kolonialsystem profitiert.
Hier sind die drei historischen Fakten, die in der Schule gerne totgeschwiegen werden:
1. Das Schmiermittel: "Indiennes"-Stoffe
Im 18. und 19. Jahrhundert war die Schweiz einer der grössten europäischen Produzenten von bedruckten Baumwollstoffen, den sogenannten "Indiennes" (hergestellt von Patrizierfamilien u.a. in Zürich, Glarus und Neuenburg). Diese Stoffe waren nicht einfach nur Kleidung, sie waren eine offizielle Währung. Schweizer Kaufleute brachten tonnenweise Textilien an die Küsten Westafrikas (z.B. in die heutige Region Gambia) und tauschten diese Stoffe direkt gegen versklavte Menschen ein. Die Schweizer Textilindustrie war ein direkter Motor des transatlantischen Sklavenhandels.
2. Plantagen auf gestohlenem Land
Die versklavten Menschen aus Afrika wurden unter grausamsten Bedingungen in die Amerikas und die Karibik verschifft. Dort mussten sie auf riesigen Zucker-, Kaffee- und Baumwollplantagen schuften. Diese Plantagen wurden auf Land errichtet, das den indigenen Völkern (wie den Taino) gewaltsam geraubt wurde. Das Brisante: Viele reiche Schweizer Familien und Handelsgesellschaften besassen über Strohmänner exakt solche Plantagen. Der Profit floss direkt zurück in die Schweiz und finanzierte hier die Industrialisierung und den Bankensektor.
3. Schweizer Söldner als bewaffnete Beschützer
Die Schweiz hatte keine Kolonial-Armee, aber sie vermietete ihre Soldaten. Zehntausende Schweizer Söldner wurden von Kolonialmächten wie Frankreich oder Holland angeworben und explizit in die Kolonien geschickt. Ihre Aufgabe? Sie schlugen in der Karibik und in Südamerika blutig die Aufstände von versklavten Menschen und indigenen Völkern nieder. Schweizer Waffen beschützten das ausbeuterische System.
Der heutige Bezug: Was hat das mit Luzern zu tun?
Warum ist diese 200 Jahre alte Geschichte heute für uns in Luzern noch relevant? Weil die Strukturen von damals nicht einfach verschwunden sind. Die koloniale Idee – wer Macht hat, wer als "normal" gilt und wer als "fremd" und "verdächtig" markiert wird – prägt unseren Alltag bis heute.
Racial Profiling: Kolonialismus basierte auf der Idee, dass Schwarze und indigene Körper überwacht und kontrolliert werden müssen. Wenn Schwarze Menschen heute am Bahnhof Luzern oder im Zug überproportional oft und grundlos von der Polizei kontrolliert werden, ist das ein direktes Erbe dieses Systems. Das ist kein Zufall, sondern struktureller Rassismus, für den die Schweiz erst kürzlich offiziell von der UN gerügt wurde.
Unsichtbarkeit und kulturelle Aneignung: Während die Schweiz historische Traumata wie den Landraub an indigenen Völkern gerne verdrängt, tauchen sie an der Luzerner Fasnacht unreflektiert wieder auf. Indigene Existenzen werden im Alltag unsichtbar gemacht, aber an der Fasnacht zur Karikatur ("Indianer"-Kostüme) degradiert.
Das Fazit: Die Schweiz ist kein unschuldiger Zuschauer in der Weltgeschichte. Existenzen und Identitäten aus der Karibik, Afrika oder dem Nahen Osten sind längst Teil der Schweizer Geschichte. Es ist Zeit, diese Geschichte ehrlich aufzuarbeiten.
Quellen & Deep Dive
Ihr wollt die harten Fakten aus der Sendung genauer nachlesen? Hier sind die wichtigsten historischen Quellen:
Cooperaxion.org: Eine Schweizer Stiftung, die die koloniale Vergangenheit der Schweiz extrem verständlich aufarbeitet. Perfekt für den Einstieg.
Historisches Lexikon der Schweiz: Das offizielle Geschichtslexikon des Bundes belegt die Schweizer Beteiligung. (Suchbegriffe: Sklaverei, Kolonialismus, Fremde Dienste).
Hans Fässler / louverture.ch: Das riesige Online-Archiv des Historikers, der die Netzwerke der Schweizer Profiteure aufgedeckt hat.
UN-Bericht (WGEPAD): Der offizielle Bericht der UN-Arbeitsgruppe von Expert*innen für Menschen afrikanischer Abstammung zum strukturellen Rassismus in der Schweiz (2022).