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Andächtige Tasten – Spirituelle Klavierklänge zum Beginn der Adventszeit

Auf der einen Seite ein Mensch mit unbändiger kreativer Energie, auf der anderen Seite ein Resonanzkasten aus Holz und Metall – die Brücke bilden die Tasten. Mit zehn Fingern schaffen es Mary Lou Williams, Alice Coltrane und Amina Claudine Myers, das Übermenschliche erfahrbar zu machen. Auf ihre ganz eigene Art verarbeiteten die drei Pianistinnen ihre persönliche Spiritualität im Klavierspiel. Von gospelinspirierten Improvisationen bis zu kreisförmigen Kompositionen aus dem Spiritual Jazz.

Mary Lou Williams' Sacred Jazz

Als sie 1964 ihr Meisterwerk «Black Christ of the Andes» auf den Markt bringt, ist Mary Lou Williams schon längst ein etablierter Name im amerikanischen Jazz. So steht sie schon im Teenageralter mit Grössen wie Duke Ellington auf der Bühne und wird in den 1940ern zu einer wichtigen Mentorin der jungen, unbändigen Bebop-Generation. Dann kämpft sie aber zusehends mit psychischen Schwierigkeiten, verstärkt durch den frühen Tod ihres Schülers Charlie Parker. Sie zieht sich vom Rampenlicht zurück und findet nach einer Konversion Halt in der katholischen Kirche. 1962 lockert Papst Johannes XXIII. mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil nicht zuletzt auch die strengen Regeln, denen die liturgische Musik im Katholizismus unterworfen war. So schreibt auch Mary Lou Williams erste Stücke, die zur Begleitung eines Gottesdienstes gedacht sind. Eine Art Sacred Jazz, ein Raum, in dem Einflüsse aus der europäischen Kirchenmusik auf Gospel-, Blues- und Spiritualklänge treffen. Gewidmet ist «Black Christ of the Andes» dem Dominikanermönch Martin von Porres, der sich als Sohn einer versklavten Mutter im 17. Jahrhundert in Peru für die Rechte der Armen einsetzte – bis heute für viele Katholik:innen ein Schutzpatron im Kampf gegen den Rassismus.

Transzendenz durch Reduktion

Amina Claudine Myers wächst mit dem Gospel der baptistischen Kirche auf. Sie wird Primarschullehrerin, tritt am Abend jedoch in Jazzbars auf, um ihre musikalische Karriere voranzutreiben. In den 1960er-Jahren wird sie Teil der AACM, der Association for the Advancement of Creative Musicians, einem Zusammenschluss wichtiger Stimmen der Avantgarde und des Free Jazz in Chicago. Klavierspielen ist für Amina Claudine Myers ein spiritueller Akt. Ihre Musik soll trösten und die Seele berühren. Stark inspiriert von der impressionistischen Harmonik des Gospels verwebt sie in ihrer Musik christliche, aber auch muslimische Gebete. Ihr Album «Song For Mother E» beinhaltet meditative, spirituelle Klänge, aber auch avantgardistische Klangexperimente. Zu hören ist neben Amina Claudine Myers nur noch der Schlagzeuger Pheeroan akLaff, trotzdem hört sich das Ganze an, als würden fünf Menschen auf der Bühne stehen.

Playlist

Mary Lou Williams – St. Martin de Porres 

Mary Lou Williams – It Ain’t Necessarily So 

Mary Lou Williams – The Devil 

Mary Lou Williams – Miss D. D. 

Mary Lou Williams – Anima Christi 

Mary Lou Williams – A Fungus Amungus 

Mary Lou Williams – Nicole 

Mary Lou Williams – Chunka Lunka 

Mary Lou Williams – Praise the Lord

Amina Claudine Myers - Song For Mother in E 

Amina Claudine Myers - I’m Not Afraid 

Amina Claudine Myers - The Real Side 

Amina Claudine Myers - The Immortal 

Amina Claudine Myers - Inner Destruction 

Alice Coltrane - Ptah, The El Daoud  

Alice Coltrane - Turiya & Ramakrishna  

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