Verzerrte Gefühlsgewitter – Fågelle im Interview
Der Boden zittert, das Stroboskop lässt den Raum pulsieren, auf der Bühne mit einer weissen Krause um den Hals: Fågelle. Akribisch geschichtete Klangtexturen treffen auf elektronische Störgeräusche und urtümliche, gespenstische Melodien. Wie das flackernde Licht einer alten Taschenlampe bahnt sich die Stimme der schwedischen Künstlerin durch diesen Wald aus Klängen, mal verletzlich intim, mal verzweifelt kräftig. Nach Jahren künstlerischer Tätigkeit in Berlin kehrt Fågelle an den Ort ihrer Kindheit und Jugend zurück. Ihr neues Album «bränn min jord» ist nicht nur eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, sondern auch eine Neuentdeckung des vermeintlich Bekannten. Mehr erfährst du im ganzen Interview:
Der DIY-Geist der Berliner Kulturszene habe sie gelehrt, über ihren Schatten zu springen, auf Menschen zuzugehen und Sachen möglich zu machen, die sonst ohne grosses Budget nicht denkbar sind, sagt Fågelle. In Halland, der schwedischen Provinz, in der Fågelle aufgewachsen ist, tobt sie sich für ihre neue Platte so richtig aus. Sie engagiert eine lokale Blechbläsertruppe, geht für Field Recordings in die umliegenden Wälder und versucht nicht zuletzt auch, den Klang einer schwedischen Jugendbewegung festzuhalten. EPA-Traktoren sind meist aus alten Fahrzeugteilen zusammengeflickte Autos, die nicht schneller als dreissig Kilometer pro Stunde fahren können und deshalb schon für 15-Jährige mit einer Motorradprüfung zugelassen sind. Aus der EPA-Subkultur kristallisierte sich über die Jahre auch ein eigenes Genre: der EPA-Dunk. Eingängige EDM-Tracks mit Texten über Alkoholkonsum, Sex und Autos, unterlegt von ohrenbetäubendem Bass, sodass sich der EPA-Traktor in einen Subwoofer verwandelt. Ferner von Fågelles künstlerischem Schaffen, durchzogen von Introspektivität und Melancholie, könnten diese Sounds kaum sein. Doch glaubt sie, hinter der Euphorie dieser Lieder eine innere Zerrissenheit und Orientierungslosigkeit herauszuspüren. In Zusammenarbeit mit einem lokalen EPA-Dunk-Künstler entstand ein Remix eines ihrer Songs. Diesen liess sie anschliessend von lokalen Jugendlichen in ihren Autos spielen, während diese an einem Mikrofon vorbeifuhren. Das resultierende Klangexperiment bildet nicht nur eine Hommage an die Subkultur, sondern auch ein Outro für «bränn min jord».
Fågelle Live im Royal | Bild: 3FACH
Neben dichten Soundscapes, bestehend aus Hunderten Tonspuren, überrascht ihre neue Platte auch mit reduzierten, intimen Momenten mit Fokus auf Songstruktur und Akustik. Live legt Fågelle Wert darauf, dass sich jeder Auftritt natürlich und frei anfühlt. Ihre Stücke liefern dabei Schablonen für ausschweifende, mantraartige Klangreisen. Es sei wie ein Remix, der jedes Mal etwas anders herauskommt. Dabei ist sie, wie bei ihrem Auftritt am One of a Million, meist alleine auf der Bühne. In letzter Zeit erhielt sie jedoch unter anderem auch Unterstützung von Drummer Liam Amner, welcher ebenfalls aus Halland stammt.
Im Hall der Tiefe - Violeta Garcia im Interview
Dutzende Albumreleases, weltweite Tourneen, unzählige kollaborative Projekte. Die argentinische Cellistin und Klangkünstlerin Violeta Garcia gehört zu den wohl umtriebigsten Köpfen des heutigen Musikgeschehens. Von zeitgenössischer Komposition über Noise bis Punk ist ihr Ansatz radikal stiloffen. Immer wieder verlässt sie bewusst musikalische Kategorien, um eine eigene rohe Ausdrucksform zu entwickeln. Im Interview erfährst du mehr über ihren kreativen Prozess und die Entstehungsgeschichte hinter ihrem letztjährigen Album IN/OUT.
Das Cello lernt Violeta Garcia durch die Konventionen der klassischen Musik kennen. Sie studiert am Konservatorium, spielt in unterschiedlichen Orchestern und beginnt, sich als klassische Musikerin einen Namen zu machen. Gleichzeitig spielt sie aber seit jungen Jahren in Bands, interessiert sich für eine Vielzahl experimenteller Musikströmungen und fühlt sich durch ihr breites Interesse an der Avantgarde zunehmend als Outsiderin in der Welt der Anzüge und Abendkleider. Die berühmten Cello-Suiten und Konzerte hat sie bereits im Repertoire, nun will sie heranzoomen und die Essenz des Instruments erkunden. Violeta Garcias Cello – bekanntlich das Instrument mit dem menschenähnlichsten Klang – flüstert, schreit, jauchzt und weint. Neben Kollaborationen mit Musiker*innen wie der legendären französischen Kontrabassistin Joëlle Léandre oder dem eklektischen Zürcher Produzenten Hora Lunga erweitert Violeta auch ihr bereits monumentales Solowerk.

Für das Album IN/OUT komponiert sie neun Stücke für Aufnahmen in einem jahrhundertealten Wasserreservoir in Genf. Auf jeden Ton folgt ein Hall von 25 Sekunden. Aus einem einzigen Instrument wird ein Geisterorchester aus Celli. Da die Stadtverwaltung die Schlüssel für das Reservoir nur für begrenzte Zeit an Bongo-Joe-Kopf Cyril Yeterian aushändigt, entstehen die Aufnahmen in nur drei Tagen. Das Resultat ist verblüffend: Kaum zu glauben, dass hier nicht mit Effekten getrickst wurde.