Sprechstunde

Buchbesprechung: Aller Liebe Anfang

30.10.2014

Nachdem die Berliner Autorin Judith Hermann drei Bände mit Kurzgeschichten veröffentlicht hatte, ist diesen Herbst ihr erster Roman erschienen.

Der Titel "Aller Liebe Anfang" führt auf eine falsche Fährte. Die Romantik wird im Buch schon auf den ersten paar Seiten abgehandelt. Stella und Jason lernen sich in einem Flugzeug kennen, im nächsten Kapitel wohnen sie bereits in einem Reihenhäuschen und haben eine gemeinsame Tochter namens Ava.

Während sich Stella um den Haushalt und die Patienten kümmert, welche sie als Pflegerin betreut, ist Jason meist irgendwo auf einer Baustelle. Der Alltagstrott nimmt seinen Lauf, wird aber plötzlich von einem fremden Mann gestört, der eines Tages vor dem Gartentor steht und mit Stella sprechen möchte. Der Unbekannte namens Mister Pfister ist Stella unheimlich, fasziniert sie aber auf eine eigenartige Weise. Er erinnert sie an eine frühere Zeit in ihrem Leben, in der sie noch mit ihrer besten Freundin Clara zusammen wohnte und ihr die ganze Welt offen stand. Die eigenartige Verlockung schlägt mit der Zeit aber in Angst um, Mister Pfister wird zum Stalker.

Judith Hermanns Stärke liegt in ihren typischen, knappen Sätzen, welche eine melancholische Stimmung und Sogwirkung erzeugen, der man sich nur schwer entziehen kann. Trotzdem funktioniert ihr Schreibstil in der Romanform nicht mehr so gut wie in ihren Kurzgeschichten. Der Roman lebt trotz spannender Ausgangslage nicht von der Handlung, sondern von Judith Hermanns Fähigkeit, Dinge zu beschreiben. Das hat in kurzer Form funktioniert, wird auf über zweihundert Seiten aber langatmig.

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