Geschichte der Saisonarbeitenden
Nach dem zweiten Weltkrieg erlebte die Schweiz einen wirtschaftlichen Aufschwung. Um den Bedarf an Arbeitskräften zu decken, hat sie das Saisonnierstatut eingeführt und viele Personen aus dem Ausland, mehrheitlich aus Italien, als Saisonarbeiter*innen angestellt. Sie hatten dabei wenig Rechte, lebten unter anderem auf engem Raum in Barracken und ihnen war der Familiennachzug verboten.
Der Verein Tesoro setzt sich dafür ein, dass diese Geschichte aufgearbeitet wird und auf das Leid aufmerksam gemacht wird. Giulia Bernardi, Vorstandsmitglied des Vereins erzählt uns in der Sendung mehr darüber:
Saisonnierstatut
Von 1934 bis 2002 war das Gesetz «Aufenthalt und Niederlassung der Ausländer» in Kraft. Das hat die Rechte von Saisonarbeitenden in der Schweiz geregelt, also von den Personen die für 9 Monate in die Schweiz arbeiten kamen und danach wieder 3 Monate zurück in ihr Heimatland mussten.
Für die Schweiz war diese Gesetz wirtschaftlich gesehen ein grosser Erfolg. Die Saisonarbeitenden haben so nämlich als Konjunkturpuffer gedient. Dadurch konnten die Unternehmen jedes Jahr wieder schauen, wie viele Arbeiter*innen sie brauchen, da die Saisonarbeitenden jeweils nur einen Saisonvertrag über 9 Monate erhielten.
Giulia Bernardi vom Verein Tesoro erklärt, dass die Saisonarbeitenden unter diesem Gesetz litten:
"Das Saisonnierstatut wurde etabliert, weil die Schweiz merkte wir brauchen Arbeitskräfte, aber wenn wir sie holen, sollen sie rechtlos sein und folglich ausbeutbar."
Das sogenannte Saisonnierstatut basiert auf einem Rotationsprinzip und hatte nicht die Integration der Arbeiter*innen zum Ziel. Das hat sich auch geäussert, indem die Arbeiter*innen häufig in Barracken isoliert und auch segregiert worden. Das Gesetz hat wirtschaftliche Interessen mit den Überfremdungsängsten in Einklang gebracht die es schon damals gab, meint Giulia.
Versteckte Kinder
Im Saisonnierstatut wurde geregelt, dass der Familiennachzug für Saisonarbeitende verboten war. Viele von Ihnen hatten aber bereits Kinder. Das bedeutet, dass die Familien ganz unterschiedlich darauf reagieren mussten: Gewisse Familien mussten ihre Kinder bei der Verwandtschaft im Herkunftsland lassen und teilweise waren sie in Heimen im Herkunftsland untergebracht.
Gewisse Eltern haben sich dazu entschieden ihre Kinder versteckt mit über die Grenze zu nehmen. Dabei wurden die Kinder illegalisiert und die Eltern kriminalisiert, da Ihnen das Recht auf Familie nicht gewährt wurde. Dadurch mussten sie auf diese Massnahmen zurückgreifen, wie Giulia meint:
"Die Gewalt die in diesem Gesetz implizit ist, mussten die Familien ausführen"
Erst nach mehreren Jahren konnten die Saisonarbeitenden eine Jahresbewilligung beantragen, womit auch der Familiennachzug möglich wurde. Es wird geschätzt das sich 50'000 Kinder illegal und versteckt in der Schweiz aufhielten, zwischen 1950 und 2002. Für diese Kinder, die auch Schrankkinder genannt werden, war diese Zeit sehr belastend.
Fremdenfeindlichkeit
Die ausländischen Arbeiter*innen wurden in der Schweiz nicht mit offenen Armen begrüsst. Viel mehr hat sich eine fremdenfeindliche Bewegung gebildet. Diese äusserte sich in ihrem damaligen Höhepunkt im Jahr 1970 in der Schwarzenbachinitiative. Diese sogenannte "Überfremdungsinitiative" forderte die Begrenzung des Ausländer*innen-anteils auf 10% der Bevölkerung, mit der Ausnahme von Genf, wo 25% angedacht waren. Die Schweizer Bürger haben diese Vorlage mit 54% Nein Stimmen abgelehnt, blieb aber nicht ohne Folgen. Giulia Bernardi spricht an, dass den Saisonarbeiter*innen damit vermittelt wurde, dass sie weder erwünscht, noch willkommen waren.
Giulia ist der Meinung, dass sich die Debatte über Ausländer*innen seit Schwarzenbach nicht gross verändert hat. Sie sieht sogar grosse Parallelen zwischen der Schwarzenbachinitiative und der aktuellen "Keine 10-Millionen-Schweiz" Initiative:
"Wir haben eine Bevölkerungsbegrenzung die man einführen will (...) beides mal eine willkürliche Zahl. In beiden Debatten wird behauptet, dass es so etwas wie eine Überfremdung gibt, dass es so etwas wie zu viel gibt."
Dabei spricht Giulia auch eine Grenzverschiebung an, also die Grenze zwischen dem was denkbar und was sagbar ist. Sie spricht den aktuellen Abstimmungsdiskurs an, wobei sich das Denken "wenn wir Arbeitskräfte brauchen, dann holen wir sie" immer mehr normalisiert wird.
"Es ist akzeptabel zu sagen: Wir wollen die Richtigen und nicht die falschen Migrant:innen."
Das diese Grenzverschiebung und die Normalisierung solcher Aussagen stattfindet, macht Giulia Sorgen.